My Type

Rick Wentworth war Anne Elliots erste, große Liebe, und sie war bereit, ihm bis ans andere Ende der Welt zu folgen – bis ihr Vater und ihre Freundin Diane in ihr die Stimme der Vernunft weckten und sie dazu überredeten, ihre Ausbildung vor ihre Beziehung zu stellen und Rick damit das Herz zu brechen. Fast zehn Jahre später kehrt Rick allerdings nach Kellynch zurück und trifft wieder auf Anne, die sich verändert hat, auch wenn er es zu Beginn kaum zugeben möchte. Trotzdem ist erst ein tragischer Unfall nötig, um ihn ihren Wert erkennen zu lassen…

My Type von niping erzählt eine Geschichte, die bereits zweihundert Jahre alt ist – in der Welt von heute. Und sie tut es ganz ausgezeichnet. Trotz der zahlreichen Änderungen, die durch das neue Setting notwendig werden, bleibt sie den Charakteren und der Handlung des Originals treu, und auch wenn man natürlich schon weiß, wie die Geschichte ausgeht, ist die Frage, was jetzt passieren wird, wie dieses oder jenes Ereignis aus Persuasion umgesetzt wird, mindestens genauso interessant. Ein Wermutstropfen sind vielleicht die Kapitel am Anfang, die von Annes und Ricks jugendlicher Liebe erzählen. Sie sind für meinen Geschmack viel zu lang und machen den Anfang zäher, als es nötig wäre, vor allem, weil man bei aller Glückseligkeit der beiden ja doch weiß, was unweigerlich danach kommen muss, weil ansonsten der größte Teil der Geschichte unnötig wäre. Hier hätte es meiner Ansicht nach – wie im Original – gereicht, in Rückblenden auf die Geschehnisse einzugehen.

Sobald ein älterer Rick allerdings auf die deutlich reifere, unabhängigere Anne trifft, entfaltet die Geschichte ihren ganzen Zauber. Ihr Wiedersehen erinnert mich sehr an das Buch – natürlich bereichert um Ricks Sicht der Dinge – und auch die Ereignisse bis zum Unfall Louisas halten sich bis auf kleinere Änderungen sehr genau an das Original. Die Änderungen in diesem Teil der Geschichte ergeben sich eher aus den geänderten Lebensumständen der letzten zweihundert Jahre – Sir Walters Einfluss über seine Tochter ist auf den gelegentlichen Anruf seiner neuen Frau geschrumpft, und Anne hat ihr eigenes Haus, ihr eigenes Leben und kann ihre eigenen Entscheidungen treffen. Diese gravierenden Änderungen werden jedoch durch die Konsistenzen in den Charakteren abgeschwächt – Mary ist noch immer anstrengend, Henriette unentschlossen und Louisa an Rick interessiert (auch wenn die Beziehung zwischen Henrietta und Charles Hayter hier nicht erwähnt wird).

Die Änderungen im ersten Teil bedingen allerdings gravierende Änderungen im zweiten – aus Annes permanentem Aufenthalt in Bath wird ein kurzer Besuch in London bei ihrem Vater, und Mrs Smith, die sie im Original mit der wahren Natur Mr Elliots vertraut macht, kommt gar nicht vor. Sie ist allerdings auch nicht nötig, denn die gewachsene Anne kann ihm hier schlicht und ergreifend aus dem Weg gehen, wenn sie nicht an ihm interessiert ist. Obwohl die Änderungen am Plot hier also gravierender klingen als im ersten Teil, fallen sie beim Lesen nicht nur nicht negativ auf, sondern gar nicht – die innere Logik der Geschichte ist so überzeugend, dass man die Unterschiede nur beim direkten, bewussten Vergleich mit dem Original bemerkt, nicht beim Lesen.

Die Geschichte zieht einen also voll in ihren Bann, auch wenn man meint, sie schon zu kennen, und sowohl Schreibstil als auch Wortwahl und Länge haben genau meinen Geschmack getroffen. Von den kleinen Längen am Anfang abgesehen könnte ich mir also keine bessere moderne Umsetzung meines liebsten Jane-Austen-Buches als My Type (Anmeldung im Meryton-Forum ist für den Link leider nötig) wünschen.

Of Muggles and Magic

Miss Hermione Granger, ein Muggelmädchen, beginnt im Jahre 1812 ihr erstes Schuljahr in  Hogwarts, begleitet von Professor Snape, der sie von ihren Eltern abholt und ihr zum ersten Mal die magische Welt zeigt. Nach ihrem zweiten Jahr allerdings muss sie die Schule und die mannigfaltigen Möglichkeiten verlassen, die die Magie ihr geben, und in die Muggelwelt zu ihrer Großmutter zurückkehren, die ihr das Leben zur Hölle macht. Doch sie wäre nicht Hermione, wenn sie sich nicht durch alle Widrigkeiten hindurchkämpfen würde – mit einem kleinen bisschen Hilfe.

Of Muggles and Magic von Aurette ist kein Crossover im eigentlichen Sinne, dazu vereint die Geschichte zu viele Einflüsse, zu viele Inspirationsquellen in sich, wie die Autorin auch selbst sagt. Harry Potter wird in eine Welt versetzt, die zusammengewürfelt scheint aus Teilen von Jane Austen, Dickens, Anne Brontë und anderen Autoren des 19. Jahrhunderts, die auch keine Angst davor hatten, nicht nur die bürgerliche Gesellschaft zu zeigen, sondern auch die Abgründe an ihrem Rand. Als großer Fan von sowohl Harry Potter als auch Jane Austen war ich natürlich sofort von der Idee begeistert und hatte mich schnell festgelesen, auch wenn die ersten Kapitel, in denen Hermione ihre ersten zwei Jahre auf Hogwarts verbringt, ein wenig redundant und zäh wirken.

Danach nimmt die Geschichte allerdings wirklich an Fahrt auf, nicht nur durch Hermiones lange Jahre in der Muggelwelt, sondern auch durch Snapes Blickwinkel, der mit seinen so ganz eigenen Problemen  zu kämpfen hat, abgesehen vom Krieg gegen Voldemort natürlich.

Allgemein gesehen würde ich sagen, dass Of Muggles and Magic ein ganzes Stück düsterer ist als Jane Austens Bücher, die sich eigentlich nie aus der oberen Mittelklasse, der Gentry, wegbewegen – Armut und Fabriksarbeit werden genauso thematisiert wie Prostitution. Eine wunderbare Umsetzung der Harry Potter-Welt in einer anderen Zeit und einer anderen Gesellschaft, die, mich, obwohl sie an einigen stellen längen hat, wirklich gefesselt hat – ich konnte kaum mehr aufhören zu lesen.

From the Corner

Severus Snape hat eine Tochter – und nach dem Tod ihrer Mutter soll sie bei ihm in seiner Apotheke leben. Als ob das nicht schon genug wäre, sieht die frisch getrennte Hermine Granger das kleine Mädchen bei einem ihrer Einkäufe und muss sich natürlich in alles einmischen. Und dass Hugo Weasley und Ophelia Snape sich anfreunden macht die Angelegenheit kein bisschen unkomplizierter.

Nach all den düsteren Erzählungen ist From the Corner von coffeeonthepatio eine wunderbare Erzählung über Familien, Kinder und die Probleme, die sich daraus ergeben. Überraschenderweise wirkt Snape – trotz oder gerade wegen seiner Tochter – an keiner Stelle deplatziert oder unrealistisch und trotz des relativen Mangels an Handlung ist die Geschichte nicht langatmig, langweilig oder gestreckt.

Ein besonderer Pluspunkt sind hier die Kinder – Ophelia, Rose und Hugo – die allesamt unglaublich süß und sehr liebenswert dargestellt sind und die sowohl von der Autorin als auch von den Erwachsenen immer ernst genommen werden. Sehr gut gefallen haben mir auch Hermines Eltern, die einfach wunderbar dargestellt sind, genauso wie die Gedanken zur Beziehung von Muggel- und Zaubererwelt und die versteckten Vorurteile (vor allem der Weasley-Familie und hier vor allem Rons).

Auch die Beziehung zwischen Hermine und Snape entwickelt sich sehr natürlich und geruhsam, und dass ihre Kinder den letzten Anstoß geben, damit sie endlich begreifen, was sie wollen, ist nur der letzte Touch.

Allerdings verstecken sich in der Geschichte auch einige Grammatik- und Logikfehler, die sogar mir (die Geschichte ist auf Englisch verfasst und noch nicht übersetzt worden) als Nicht-Muttersprachlerin aufgefallen sind, was den Lesefluss an manchen Stellen empfindlich stört (wenn “he” und “she” verwechselt werden, ist das an manchen Stellen wirklich irritierend.)

Alles in allem jedoch ist From the Corner eine wunderschöne, familienorientierte Geschichte, die, wenn schon nicht durch den Schreibstil, dann durch die natürliche, unaufgeregte Charakterdarstellung und vor allem die drei Kinder besticht, die – wenn sie mir auch ein wenig zu intelligent vorkommen für ihr Alter – immer sehr liebenswert gezeichnet werden.

Of Crimson Joy

Fünf Jahre nach Kriegsbeginn tritt Draco Malfoy dem Orden bei und erweist sich entgegen allen gegenteiligen Voraussagen als wichtiger Kämpfer und wertvoller Verbündeter. Doch in den Schlachten, die vor ihm liegen, findet er etwas, mit dem er selbst nie gerechnet hätte – Liebe, Zuneigung und einen Familie.

Of Crimson Joy von LittleRobbin (übersetzt von Nitsrek0803) erzählt nicht, wie der Krieg verläuft – die Fanfiction erzählt, was der Krieg mit ihnen macht. Selten habe ich eine so dichte, bedrückende und deprimierende Geschichte über den Krieg gegen Voldemort gelesen – den Krieg, so wie man ihn sich vorgestellt hat,  bevor der siebte Band kam. Die Angst wird zur Normalität. Die Verletzungen und Toten werden zur Normalität, und trotzdem verstecken sich tief im inneren noch immer der Schmerz und die Verzweiflung, die man nicht zeigen kann – und der Autorin gelingt es unglaublich gut, dieses Gefühl auf den Leser zu übertragen.

Schlachten werden nur angerissen, nur wenige Kämpfe beschrieben, und trotzdem ist der Krieg allgegenwärtig, schleicht sich durch die Kleinigkeiten ein: Die Nahrungsknappheit, die geteilten Betten, das Leben im Versteck, die ständige Angst, die psychischen Probleme der Charaktere, die aus zweiter Hand erlebte Folter – auf beiden Seiten, denn auch die “guten” sind nicht unschuldig in diesem Krieg und manipulieren, foltern und töten.

Die Auflösung des Geheimnisses um Draco kommt überraschend, genauso wie das Ende des Krieges – und es passt zum Rest der Geschichte, dass die große Enschlacht gegen Voldemort nicht beschrieben wird, sondern währenddessen Hermine und Draco gefoltert werden und nur auf ihre Rettung warten, hoffen und beten, dass Harry gewinnen kann. Vielleicht ist es unlogisch, dass Bellatrix Lestrange nicht an der Seite ihres Meisters steht, allerdings können auch diese kleinen Ungereimtheiten den unglaublich düsteren Gesamttenor der Geschichte nicht zunichte machen.

In Of Crimson Joy wird der zweite Krieg nicht beschrieben – er wird spürbar, erlebbar gemacht, mit all der Angst und all dem Schmerz und all dem Tod. Wer nun neugierig geworden ist, hier findet sich das Original und hier die Übersetzung.

No Loyalty in the Moonlight

Viele Jahre nach der letzten Schlacht wird Hermine von den damaligen Geschehnnissen und ihrer eigenen, fürchterlichen Tat eingeholt – indem sie sie noch einmal begeht. Nur Severus Snape kann ihr helfen zu verhindern, dass sie noch weiteren Schaden anrichtet und der Versuchung der Dunklen Künste erliegt, doch das weiß sie selbst nicht.

No Loyalty in the Moonlight, im Original von Ariadne_AWS und übersetzt von Xaveria, ist wohl eine der düstersten, aber nichtsdestotrotz besten Harry-Potter-Fanfictions, die ich in den letzten Wochen und Monaten gelesen habe. Besonders beeindruckt hat mich der lyrische, bildliche Schreibstil, der von der Übersetzung wirklich gut wiedergegeben wurde und der, obwohl er zu Anfang sehr schwer zu verstehen ist, die besondere, düstere Atmosphäre und die Dichte der Geschichte ausmacht.

Ich muss zugeben, dass ich zu Anfang  sehr kurz davor war, einfach zu lesen aufzuhören, aber man wird wirklich dafür belohnt, dass man vielleicht ein wenig langsamer und ein wenig genauer lesen muss als üblich. Die Bilder sind einfach unglaublich, genauso wie die geballte Düsterkeit, die die Geschichte ausstrahlt, und es werden wirklich alle Fragen beantwortet, die sich zu Anfang auftun – wenn auch sehr langsam.

Einen besonderen Reiz hat auch die… ich will nicht sagen böse, aber gebrochene und entstellte Hermine, die alles aufgegeben hat – ihre Freunde, ihre Familie, die Gerechtigkeit, die ihr so wichtig war – um niemandem mehr wehtun zu können, die es allerdings trotzdem nicht schafft, genauso wie der kleine Geist mit der Blume, der schlussendlich über sich selbst hinauswächst.

Einziger kleiner Wermutstropfen an der Handlung war, dass es doch eine Lösung für ein zuvor unlösbares Problem gab, noch dazu eine, die einfach so angeflogen kam – aber inmitten all des Schmerzes, der Zerstörung und der Düsternis war das vielleicht der kleine Hoffnungsschimmer, den die Geschichte gebraucht hat.

Alles in allem eine beeindruckende Erzählung mit unglaublich dichter Atmosphäre und wundervollem Schreibstil, sowohl im Original als auch in der Übersetzung.